Der Fund
Sandra Becker zog die Tür der Ferienwohnung leise hinter sich zu und blieb im Hausflur stehen. Da war nur die Stille, die Schlafende um sich bauten. Der Flur roch nach dem Holz der alten Dielen und nach dem Kaffee vom Vorabend, der sich in Vorhängen und Tapete gehalten hatte. Sie stand dort, die Hand noch an der Türklinke, und ließ beides eine Weile auf sich wirken. Diesen letzten Moment, in dem noch nichts begonnen hatte.
Sie trat nach draußen.
Der Morgen war kühl, obwohl es Ende Mai war. Ein feiner Nieselregen lag über Potsdam, zu dünn, um wirklich nass zu machen, aber dicht genug, um alles zu dämpfen. Geräusche klangen weicher. Die Farben standen matter da. Es nahm den Dingen die Eile. Die Stadt kam ihr in solchen Momenten echter vor. Weniger inszeniert. Sandra mochte das.
Dann ging sie zur Garage.
Das Tor klemmte, bevor es nachgab. Metall auf Metall, ein leises Schaben, das in der Morgenstille deutlicher klang, als es sollte. Sie zog das Fahrrad heraus. Der Rahmen fühlte sich klamm an, spürbar kalt. Das Metall hatte die Nacht gespeichert. Sandra stellte den Sattel einen halben Zentimeter höher, prüfte automatisch die Bremsen, drückte einmal gegen den Vorderreifen. Eine Bewegung, die von selbst lief, seit Jahren dieselbe. Bevor sie aufstieg, sah sie einmal hinauf zu den Fenstern.
Hinter dem Vorhang im ersten Stock bewegte sich etwas.
Zu gleichmäßig für den Wind. Sandra blieb stehen. Ihr Blick blieb hängen – aus diesem kleinen, hartnäckigen Reflex heraus, der immer dann kam, wenn etwas verrutscht war und der Name dafür noch fehlte. Sie kannte diesen Reflex. Er hatte sie schon als Kind begleitet, dieses kurze Innehalten vor dem Weitergehen, als wäre die Welt einen Takt zu früh dran.
Dann bewegte sich der Vorhang nicht mehr.
Sie setzte einen Fuß aufs Pedal, als ein Geräusch aus dem Haus kam. Ein dumpfes Stoßen, Holz gegen Holz, und dann Ruhe. Sandra drehte sich um.
Die Fenster. Der blasse Morgen. Der reglose Vorhang.
Wahrscheinlich ihre Tochter, die sich im Schlaf umdrehte. So schlief sie manchmal, mit einer Energie, die sie tagsüber gut versteckte. Oder einfach das alte Haus, das für sich arbeitete, so wie alte Häuser das taten. Sandra wartete noch einen Atemzug lang, dann schwang sie sich auf das Rad.
Das Gefühl fuhr mit.
Die Straßen in Potsdam-Eiche waren fast leer um diese Uhrzeit. Nasser Asphalt, die Reifen zeichneten feine parallele Linien darauf, die sich ständig neu bildeten und sofort wieder verschwanden. Sie surrten. Ein vertrauter Klang, der sie sonst beruhigte.
Heute nur fast.
Sie fuhr die Straße am Drachenberg hinauf. Sanft ansteigend, aber lang genug, dass sie den Widerstand in den Beinen spürte, dieses gleichmäßige Brennen, das sie mochte. Sie trat ruhig dagegen an, atmete tief ein. Die Luft war kalt und feucht und sauber, und irgendwo hinter einer Hecke sang eine Amsel. Unbeeindruckt vom Regen, mit dieser seltsamen, konzentrierten Ernsthaftigkeit, die Amseln hatten.
Sandra dachte an das Frühstück. An Marmelade auf kleinen Fingern und an den Gesichtsausdruck ihrer Tochter, wenn sie morgens aufwachte und noch am Entscheiden war, ob der Tag ihr gefiel. Dieser kurze, ernste Augenblick, bevor das Lächeln kam. Sie mochte ihn, ohne zu wissen, warum. Vielleicht, weil er ihr gehörte. Weil sonst niemand ihn je zu sehen bekam, dieses ernste kleine Gesicht zwischen Schlaf und Tag, das sich erst ordnen musste, bevor es sich der Welt zeigte.
Oben bog sie in die Eichenallee ein. Links reihten sich alte Villen aneinander, zurückgesetzt von der Straße, mit hohen Fenstern und schweren Türen, die Fassaden dunkel vom Regen. In einigen Fenstern brannte schon Licht – ein warmes Schimmern hinter Gardinen, weit weg und unbesorgt. Rechts öffnete sich brachliegendes Gelände: verwilderte Parzellen, Zäune, die mehr andeuteten als abgrenzten, Unkraut, das durch alten Asphalt drückte, Bäume, die sich selbst ausgesät hatten und stehen geblieben waren. An einem der Zäune hing ein Schild, so ausgeblichen, dass nur noch der rote Rand zu erkennen war.
Sandra fuhr langsamer.
Am Krongut schob sie das Fahrrad durch das schmiedeeiserne Tor. Das Metall war dunkel vom Regen, glatt und schwer unter der Hand. Das Tor stand nur halb offen – gerade so weit, dass sie mit dem Lenker hindurchkam, und am nassen Eisen blieb ein dunkler Streifen auf ihrem Jackenärmel zurück. Ein Stück weiter hinten, unter einem Vordach, stand ein Mann in Arbeitskleidung. Eine Zigarette zwischen den Fingern, das Handy in der anderen Hand, der Blick fest darauf gerichtet. Sein Blick blieb auf dem Display, auch als ihr Vorderrad über den Kies knirschte. Neben der Mauer lag eine leere, umgekippte Getränkekiste, so wie Dinge lagen, die jemand abgestellt und dann schlicht vergessen hatte.
Die Bäckerei lag unmittelbar vor ihr. Gelbes Licht fiel aus den Fenstern, spiegelte sich in den nassen Pflastersteinen zu einem langen, zitternden Streifen. In der Auslage lagen Brötchen, ordentlich aufgereiht, fast zu ordentlich. Sandra öffnete die Tür.
Drinnen war es warm. Es roch nach frischem Teig und nach Kaffee und nach diesem bestimmten Morgengeruch, den sie aus jeder Bäckerei ihres Lebens kannte. Irgendwo im Backraum klapperte ein Blech. Eine Tür öffnete sich kurz, ein Schwall warmer Luft, das dumpfe Dröhnen eines Mixers, dann fiel sie wieder ins Schloss.
„Guten Morgen.“ Die Verkäuferin war Anfang fünfzig, die Haare hastig hochgesteckt. Eine Strähne löste sich immer wieder aus der Frisur und fiel ihr in die Stirn, und sie schob sie zurück, ohne es zu bemerken. Ihre Bewegungen waren routiniert und schnell, die Bewegungen einer Frau, die schon seit Stunden auf den Beinen war.
„Morgen“, sagte Sandra. „Fünf Brötchen, bitte. Und einen Kaffee zum Mitnehmen.“
Die Kaffeemaschine zischte. Dampf stieg auf.
Aus dem Backraum kam eine Stimme, dumpf, aber hörbar: „Ist er schon da?“
Die Verkäuferin ließ sich Zeit mit der Antwort. Ihre Hände arbeiteten weiter – Brötchen einpacken, Becher befüllen – aber etwas in ihrer Haltung veränderte sich. Die Schultern kamen ein Stück höher, kaum sichtbar unter der Schürze.
„Noch nicht.“ Beiläufig gesagt, mit der Art von Beiläufigkeit, die eingeübt war.
Ein kurzes Schweigen von drüben.
Dann öffnete sich die Backraumtür einen Spalt. Ein jüngerer Mann, Mehl an der Schürze, sah heraus. Sein Blick ging an Sandra vorbei zur Verkäuferin. „Haben Sie ihn erreicht?“
„Nein.“
„Dann sollte jemand—“
„Später.“ Die Verkäuferin sah ihn an, nur einen Moment. Er zog sich zurück. Die Tür fiel zu.
Sandra stand an der Theke und sah auf die Brötchentüte, die vor ihr lag. Die Verkäuferin lächelte sie an. Professionell und freundlich und vollkommen undurchdringlich.
„Milch?“
„Ja, bitte.“
„Darf es sonst noch etwas sein?“
„Danke, nein.“
Sie bezahlte. Das Wechselgeld lag warm in ihrer Hand, die Finger noch kalt vom Regen. Dieser kurze Kontrast, der länger hängen blieb, als er sollte.
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“
„Wünsche ich Ihnen auch.“
Sandra lächelte. Es war ein echtes Lächeln. Noch.
Der Hof neben der Bäckerei öffnete sich zu einem großen Platz. Rechts standen Sonnenschirme, die nach einer Veranstaltung stehen geblieben waren – zusammengeschoben, der Stoff an den Rändern vergilbt, vereinzelt kleine Löcher darin, durch die der Regen tropfte. Weiter hinten lag der Spielplatz.
Er ging offen in den Hof über, ohne Zaun dazwischen. Kies, vom Regen dunkel geworden. Alte Holzspielgeräte, deren Farbe abblätterte. Eine Holzkuh, einmal bunt, jetzt mehr Grau als alles andere. Eine Rutsche. Ein kleines Karussell. Eine Schaukel, die sich im Wind bewegte und deren Ketten ein leises, gleichmäßiges Quietschen verursachten.
Sandra lehnte das Rad an die Bank am Rand des Spielplatzes und setzte sich.
Der Kaffeebecher war heiß in ihrer Hand. Sie trank einen Schluck, zu früh, zog die Luft scharf ein und verzog das Gesicht. Dann lachte sie leise über sich selbst. Sie hielt den Becher mit beiden Händen und wartete.
Drüben auf dem Hof war noch wenig Betrieb. Irgendwo kamen Stimmen, dann war es wieder ruhig. Der Regen legte sich auf alles wie etwas Beruhigendes. Sandra ließ die Schultern sinken, die sie, ohne es zu merken, ein wenig hochgezogen hatte.
Sie saß, trank in kleinen Schlucken und ließ den Blick über den Platz gehen. Das Kopfsteinpflaster, in dessen Fugen sich das Wasser sammelte. Die Fassade des Verwaltungsgebäudes mit ihren hohen, dunklen Fenstern. Der Geruch von nassem Stein und Kaffee und irgendwo darunter, ganz schwach, von frischem Brot. In einer halben Stunde würde sie zurück sein, die Brötchen auf dem Tisch, das Zimmer noch warm vom Schlaf.
Sie dachte an ihre Tochter.
Sie hob den Becher ein zweites Mal an die Lippen, vorsichtiger diesmal, und sah dabei hinüber zu dem langgestreckten Verwaltungsgebäude am Ende des Platzes.
Eine Seitentür stand offen. Nur einen Spalt. Vorhin war sie geschlossen gewesen.
Sandra runzelte die Stirn. Sie versuchte, das Bild von vorhin zurückzuholen: die Tür, geschlossen – oder war ihr Blick bloß darüber hinweggegangen? Das war der Unterschied, der einen Augenblick länger brauchte.
Dann wurde die Tür von innen zugezogen. Schnell und ohne Zögern, ein entschiedener Zug. Ein dumpfer Laut hallte über den leeren Platz, prallte kurz von der Fassade gegenüber ab und war dann weg.
Sandra blieb sitzen. Ihr Blick blieb an der geschlossenen Tür hängen.
Dann sah sie den Schuh.
Er lag im Sand zwischen zwei Spielgeräten. Dunkles Leder, auf der Seite, leicht eingesunken, als hätte jemand ihn einfach fallen lassen. Ein einzelner Herrenschuh, vom Regen nass.
Sandra stellte den Becher auf die Bank neben sich. Das Geräusch – Pappe auf Holz – klang in der Stille des Platzes zu laut.
Sie stand auf.
Ihr Blick folgte dem Schuh, dann dem Hosenbein dahinter, dann weiter. Sie trat einen Schritt vor. Dann noch einen. Dann blieb sie stehen.
Der Körper lag zwischen den Spielgeräten, halb auf der Seite, leicht in den Sand gesackt. Die Arme dicht am Rumpf, nicht ausgestreckt, nicht verdreht. Kein Blut, keine sichtbare Verletzung. Nichts, das nach Gewalt aussah. Ein Mann, der dalag, während der Regen auf ihn fiel wie auf die Schaukel und die Holzkuh und den Kies.
Gerade das war falsch.
Sandra stand da und sah hin. Der Regen fiel weiter, gleichmäßig und gleichgültig. Die Schaukel quietschte. Auf dem Hof rumpelte ein Transportwagen, jemand rief etwas, eine gewöhnliche Stimme an einem gewöhnlichen Morgen. Und hier zwischen den Spielgeräten lag ein Mann im nassen Sand, und alles, was dieser Morgen bis eben noch gewesen war, verschob sich.
Ihr Magen zog sich zusammen. Ihre Hand griff den Stoff der Jacke, ließ los, griff wieder, und dann ließ sie es sein.
Sie wartete auf eine Erklärung.
Jemand, der schlief. Einer, der zu viel getrunken hatte. Ein Mann, der gleich aufsah und sich fragte, warum sie ihn anstarrte.
Der Regen fiel ihm auf das Gesicht, in die offene Falte des Kragens, und er blieb, wie er war.
Sie trat noch einen Schritt vor und blieb stehen, aus dem stillen Wissen heraus, dass hier eine Grenze verlief. Das Gesicht war blass, die Lippen leicht geöffnet, die Augen geschlossen. Er sah aus wie jemand, der tief schlief. Aber keine Schlafenden lagen so vollkommen still.
Sandra zog das Handy aus der Jackentasche. Hielt es in der Hand. Sah auf den Bildschirm, ohne das Gerät zu entsperren.
Wenn sie jetzt anrief, wäre es vorbei. Der Morgen. Die Ruhe, die noch in allem lag.
Dann wählte sie.
„Notrufzentrale, guten Morgen.“
„Ich glaube, hier liegt ein toter Mann.“ Während sie sprach, hörte sie ihre eigene Stimme – ruhig, sachlich, als würde sie einen Lieferdienst anrufen.
Sie nannte den Ort. Beschrieb den Spielplatz, die Spielgeräte, die Sonnenschirme rechts davon. Die Frau am Telefon stellte Fragen, und Sandra beantwortete sie, eine nach der anderen.
„Ist er ansprechbar?“
Sandra sah noch einmal hin. „Nein.“
„Atmet er?“
Sie wartete. Nur der Regen. Die Schaukel. „Nein.“
„In welcher Lage befindet sich die Person?“
Sandra sah wieder hin, diesmal genauer. Der Körper zwischen den Spielgeräten, der Schuh, das Hosenbein.
„Auf der Seite… glaube ich.“
Eine kurze Pause.
„Ja. Auf der Seite.“
„Bleiben Sie bitte vor Ort. Wir schicken sofort jemanden.“
„Ja.“
Sie legte auf. Steckte das Handy ein. Blieb stehen, wo sie stand.
Der Kaffeebecher stand noch auf der Bank. Auf dem Deckel hatten sich feine Tropfen gesammelt, und aus dem Trinkloch stieg noch immer ein dünner Faden Dampf.
Sandra stand neben der Bank und wartete. Der Regen setzte Perlen auf den Ärmel ihrer Jacke, die zusammenliefen und abrissen, sobald sie den Arm bewegte. Vom Hof her kamen wieder Stimmen, näher jetzt, dann entfernten sie sich. Der Kies unter ihren Sohlen glänzte dunkel. Sie sah auf ihre Schuhspitzen und dann wieder zu dem Mann, und dann zwang sie den Blick zurück auf ihre Schuhspitzen.
Der Streifenwagen rollte nach knapp zehn Minuten über den Kies am Rande des Geländes. Die Reifen klangen unangemessen laut in der Stille. Zwei Beamte stiegen aus, eine jüngere Frau und ein älterer Mann, und die Frau kam direkt auf Sandra zu, mit dem konzentrierten, geordneten Schritt von jemandem, der bereits im Dienst ist.
„Kriminalmeisterin Reuter. Sie haben angerufen?“
„Ja.“
„Können Sie mir zeigen, wo?“
Sandra ging ein Stück mit und blieb dann stehen. Sie deutete zwischen die Spielgeräte. „Da. Zwischen der Schaukel und dem Karussell.“
Reuter trat vor. Sah hin, einmal, dann ein zweites Mal, langsamer. Dann kehrte sie um.
„Haben Sie ihn berührt?“
„Nein.“
Ein kaum merkliches Nicken. „Gut.“ Sie zog ein Notizbuch hervor. Der Regen hinterließ sofort dunkle Punkte auf dem Papier.
Ein weiteres Fahrzeug hielt am Rande des Platzes. Ein Mann in ziviler Kleidung, eine schmale Ledertasche, ruhige Schritte auf dem nassen Kies. Er kniete sich neben den Körper, prüfte den Puls am Hals, betrachtete das Gesicht von nahem, hob kurz das Handgelenk. Dann richtete er sich auf.
„Tod festgestellt.“
Er griff nach seiner Tasche, ohne etwas hinzuzufügen.
Zwei Worte, und der Platz veränderte sein Tempo. Der Transportwagen drüben auf dem Hof stand jetzt still. An der Bäckerei war jemand in die Tür getreten und blieb dort, ein Geschirrtuch in der Hand, das er langsam zusammenlegte und wieder auseinandernahm. Der Regen fiel weiter auf die Schirme, auf den Kies, auf die Schaukel, die sich immer noch bewegte.
Der ältere Beamte spannte ein rot-weißes Band zwischen die Spielgeräte, in weitem Bogen um den Spielplatz herum. Der Wind drückte das Band durch, ließ es flattern, und das Geräusch war auf dem stillen Platz lauter als alles, was die Menschen dort taten.
Kurz darauf trat einer der Männer in Arbeitskleidung auf den Platz. Blaue Jacke, die Hände tief in den Taschen, der Schritt etwas zu langsam. Er blieb ein paar Meter vom abgesperrten Bereich entfernt stehen und sah zwischen die Spielgeräte.
„Das ist Bachmann“, sagte er. Leise. Mehr zu sich selbst. So, wie man etwas sagt, wenn man es laut aussprechen muss, um es zu glauben.
Ein Murmeln. Kein Aufschrei.
Reuter stand wieder neben Sandra. „Haben Sie noch etwas gesehen?“
Sandra zögerte.
„Nein.“
Ein kurzer Blick zur Seitentür.
Die Tür war weiterhin geschlossen.
„Nur den Mann.“
„Wären Sie bereit, später noch einmal zur Dienststelle zu kommen? Nur damit wir alles ordentlich aufnehmen können.“
„Ja.“
Jemand reichte ihr das Fahrrad. Eine Hand, die ihre streifte. Sandra griff nach dem Lenker. Das Metall war noch genauso kalt wie am Morgen, aber jetzt kam ihr die Kälte anders vor, und sie schob die Ärmel über die Handballen, bevor sie richtig zufasste.
Als sie ansetzte, um loszufahren, zog es ihren Blick noch einmal zum Spielplatz. Die Schaukel bewegte sich noch immer im Wind. Das Quietschen war ruhiger geworden.
Sandra wandte sich ab.
Sie dachte an ihre Tochter. Daran, dass sie jetzt aufgewacht war und sich fragte, wo sie war. Und daran, dass sie ihr davon nichts erzählen konnte. Nicht heute. Nicht so.
Noch bevor sie die Straße erreichte, zog es ihren Blick ein letztes Mal zurück.
Oben am dritten Fenster des Verwaltungsgebäudes stand eine Silhouette. Ein Schatten hinter der Scheibe, der reglos nach unten sah. Als Sandra hinaufblickte, zog er sich zurück.
Langsam. Ohne Hast.
Sandra trat fester in die Pedale.
An der nächsten Ecke merkte sie, dass sie den Lenker so fest umklammert hatte, dass ihr die Finger wehtaten. Sie lockerte den Griff, Finger für Finger, und fuhr langsamer.
Der Regen fiel weiter. Gleichmäßig. Unaufgeregt. Sie zog den Reißverschluss der Jacke bis ans Kinn.
Sie fuhr. Die Räder surrten auf dem nassen Asphalt, gleichmäßig, vertraut. Irgendwo hinter einer Hecke sang noch immer eine Amsel. Sandra hörte ihr zu, bis die Straße abbog und der Gesang verschwand.
Dann war da nur noch der Regen.