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Trude
Es war ein Dienstagmorgen im Juli, und in Munster stand die Luft schon um neun über dem Asphalt.
Trude Haberkorn saß in dem Stuhl, in dem sie schon oft gesessen hatte. Hoffmanns Büro im ersten Stock der Wilhelm-Bockelmann-Straße kannte sie seit neununddreißig Jahren — den Geruch nach Papier und Holzpolitur, die schwere Uhr an der Wand, das Messingschild an der Tür, Dr. Friedrich Hoffmann · Notar. Draußen die Kastanie, breiter geworden über die Jahre, sie nahm dem Zimmer das halbe Licht. Günther hatte hier sein Testament aufgesetzt. Sie beide hatten hier 1987 das Berliner Testament unterschrieben, an einem Herbstnachmittag, die Kinder längst aus dem Haus. Gegenseitig Alleinerben. So einfach war das gewesen. Günther hatte beim Unterschreiben nichts gesagt. Seine Hand hatte gezittert, ganz leicht, und Trude hatte auf das Blatt geschaut, als hätte sie es nicht bemerkt.
Günther war seit drei Monaten tot.
Morgens nicht mehr aufgewacht. Still, ohne Drama, so, wie er es sich gewünscht hätte. Der Maurer, der nie krank gewesen war, der mit siebzig noch Steine schleppte. Große Hände, eine Stimme, die nie lauter wurde als nötig. Wenig geredet, viel gemacht — das war Günther. Morgens der Erste auf, abends der Letzte im Bett. Und wenn er neben ihr saß und sein Bier trank, redete keiner von ihnen, und es fehlte auch nichts.
In den ersten Wochen hatte sie das nicht ausgehalten. Sie hatte Kaffee getrunken und aus dem Fenster geschaut und abends das Radio laufen lassen. Dann hatte sie Hoffmann angerufen. Vor neun Tagen. Sie wolle wissen, wie es mit dem Erbe sei, hatte sie gesagt. Er kümmere sich, hatte Hoffmann gesagt, und sie für heute einbestellt.
Er hatte ihr die Hand geschüttelt, als sie reinkam, mit beiden Händen, so wie immer, wenn es um etwas Ernstes ging. Er hatte ihren Namen gesagt. Sonst nichts. Trude hatte sich gesetzt, die Tasche auf den Schoß gestellt und gewartet, während er eine Akte aufschlug.
Die Akte war dick.
Mehrere Seiten, Notizen am Rand, kleine Klebezettel zwischen den Blättern, Querverweise mit Bleistift. Darunter ein zweiter Schnellhefter, älter, abgegriffen an den Ecken, beschriftet in einer Schrift, die Trude nicht lesen konnte. Neun Tage waren wenig für so eine Akte. Aber Hoffmann war Hoffmann. Einer der letzten seiner Art, hatte Günther immer gesagt.
Hoffmann schob ihr ein Blatt über den Tisch.
„Da.” Er zeigte auf eine Zeile, halb verblasst, Tinte aus einer anderen Zeit. „Haberkorn, Günther Ernst, geboren 1932. Eingetragen als Eigentümer der Stadtvilla in der Hebbelstraße, Nauener Vorstadt — Grundbuch von Potsdam, Blatt 20-05.” Er sah sie an. „Steht da. Immer noch.”
Trude schaute auf die Zeile.
Ihre Fingerspitzen fuhren über das Papier, über Günthers Namen, über die verblassten Buchstaben, die ein Beamter vor mehr als sieben Jahrzehnten mit sorgfältiger Hand hingesetzt hatte. Haberkorn, Günther Ernst. Sie strich einmal über den Namen, dann noch einmal, langsamer. Der Zeigefinger blieb auf dem G liegen.
„Det versteh ick nich”, sagte sie.
Hoffmann schob den Stuhl ein Stück näher.
„Ich erkläre es dir. Ihr seid 1961 weg. Das Haus blieb stehen. Die Stadtverwaltung hat es nach und nach übernommen — erst als Wohnraum, später, nach der Wende, als Büroraum. Im Erdgeschoss war jahrelang ein Bürgerbüro. Im Obergeschoss wohnt eine Mieterin, eine Frau Schubert, schon länger. Die Stadt hat es bewirtschaftet, instand gehalten, Mieten eingenommen, alles brav verbucht.” Er tippte auf das Blatt. „Aber umgeschrieben haben sie es nie. Zu DDR-Zeiten schon gar nicht — das halbe Viertel war damals Sperrgebiet, KGB. Da hat die Verwaltung gemacht, was sie für richtig hielt, mit Akten oder ohne. Und nach der Wende, als sie es hätten tun müssen, blieb es liegen. Vielleicht wollte keiner die Verantwortung. Vielleicht hat keiner hingesehen.” Er sah sie an. „Günthers Name steht noch drin. Sauber. Eingetragen. Keine Belastungen.”
Trude legte beide Hände flach auf die Akte.
„Det Haus jehört uns?”
„Es hat Günther gehört. Und durch das Berliner Testament gehört es jetzt dir.”
Sie sagte nichts. Draußen fuhr ein Auto vorbei, irgendwo schlug eine Tür. Hoffmann wartete.
„Was is mit den Mietern?”
„Bürgerbüro ist ausgezogen — Umstrukturierung. Steht leer. Im Obergeschoss wohnt noch die Frau Schubert. Da müsste man sehen. Aber das regeln wir, wenn es soweit ist.”
Hoffmann zog ein zweites Blatt hervor, langsamer diesmal.
„Was du brauchst — und das ist der erste Schritt —, ist eine Vollmacht. Damit ich für dich beim Potsdamer Amtsgericht auftreten kann, beim Grundbuchamt, bei der Stadtverwaltung. Sonst musst du dich selbst da hinsetzen, jeden Termin selber wahrnehmen, jede Unterschrift selber leisten. Bei jedem Behördengang.” Er schob ihr das Blatt hin. „Begrenzt auf alles, was mit der Klärung und Rückführung des Grundbucheintrags zu tun hat. Nicht mehr. Damit ich dir die Wege abnehmen kann.”
Trude las.
Sie schaute auf das Blatt, auf die Linien, die Absätze, den Strich ganz unten. Dann auf Hoffmanns Hände, die auf dem Tisch lagen, die kurz geschnittenen Nägel, die Uhr am linken Handgelenk. Hände, die sie kannte.
Sie nickte.
Hoffmann reichte ihr einen Füller. Schwarzer Lack, schwer in der Hand. Trude hielt ihn einen Augenblick, bevor sie ansetzte. Ihre Unterschrift war nicht mehr die von früher. Die Buchstaben hatten sich gedehnt, die Schleifen waren weicher, das T am Anfang stand nicht mehr gerade. Es dauerte. Hoffmann saß da und schaute geduldig zu.
Als sie fertig war, legte sie den Füller hin und atmete aus.
Hoffmann nahm das Blatt, prüfte die Unterschrift, legte es zur Seite. Nicht in die Akte. Auf den Stapel daneben.
Dann öffnete Trude die Tasche und stellte den Bilderrahmen auf den Tisch.
Ein kleiner Holzrahmen, dunkel gebeizt, an den Ecken abgegriffen von Jahrzehnten auf Kommoden und Nachttischen. Hinter Glas ein Schwarzweißfoto, Sommer 1961. Das Holz an den Kanten war heller als in der Mitte, dort, wo Trudes Daumen den Rahmen über die Jahre immer wieder gefasst hatten. Abends nahm sie ihn oft vom Nachttisch, hielt ihn einen Moment in der Hand und stellte ihn wieder zurück.
Hoffmann schaute auf das Foto.
Er sagte nichts. Sein Blick ging zu Günther, dann zu den Kindern, dann zu dem Haus dahinter. Er kannte Günther seit neununddreißig Jahren, zuletzt gesehen vor einem halben Jahr, in einem Café am Bahnhofsplatz, grau und kleiner als früher, sonst der Alte. Jetzt sah er ihn jung.
Hoffmann zog die Hände vom Tisch zurück. Er räusperte sich, einmal, und legte sie wieder hin, flach, die Finger gespreizt. Er schaute weiter auf das Foto. Dann hob er den Blick und schaute aus dem Fenster, hinaus in die Kastanie.
Trude sah weiter auf das Foto.
Günther neben ihr, die Hand an ihrer Schulter, lachend über irgendetwas, das beide längst vergessen hatten. Kalle, fünf Jahre alt, abstehende Ohren, das ernste Gesicht, das er beim Fotografieren machte. Und Rosie auf ihrem Arm, ein Jahr alt, den Kopf zur Seite gedreht.
Und dahinter das Haus.
Auf dem Foto war die Villa gepflegt. Der dunkle Klinker sauber, die Fensterrahmen frisch gestrichen, das Vordach mit seinen schlichten Säulen ohne Risse. Die Stufen aus Naturstein, die Kanten scharf. Und das Tor — das gusseiserne, mit den geschwungenen Ornamenten — schwarz und glänzend, frisch lackiert. Trude hatte es jeden Morgen geöffnet und jeden Abend geschlossen.
Sie wusste, ohne hingefahren zu sein, wie es heute aussah. Der Rost an den Ornamenten, ein mattes Rotbraun, das sich durch den Lack gefressen hatte. Das Tor schief in den Angeln. Die Klinker stellenweise nachgedunkelt durch Feuchtigkeit. Fünfundsechzig Jahre, in denen die Stadt Mieten verbucht und die Dachrinne ausgebessert hatte und sonst nichts.
Dann kam die Erinnerung.
August 1961. Auch heiß gewesen, aber schwüler, drückender. Sie hatte den Kindern gesagt, sie sollen leise sein. Kalle hatte sie angeschaut und nicht gefragt — er war fünf, er wusste nur, dass die Erwachsenen flüsterten und dabei aus den Fenstern schauten. Sie hatten das Nötigste mitgenommen. Die Dokumente. Pässe. Ein paar Kleider, nichts, was nach Verreisen aussah. Günthers Werkzeugkasten — den seines Vaters, Holz und Messing, schwer wie ein kleiner Sarg — hatte er stehenlassen müssen. Die Säge, den Hobel, jeden Meißel an seinem Platz. Das hatte ihm mehr geschmerzt als das Haus, mehr als die Stadt. Er hatte noch einmal in den Keller geschaut und die Tür zugezogen, ohne ein Wort.
Dann der Weg zum Bahnhof. Zu Fuß, im Dunkeln, Rosie auf dem Arm eingeschlafen, Kalle daneben mit der kleinen Tasche, die sie ihm gepackt hatte. Aus der Hebbelstraße hinaus, durch die Behlertstraße, am Nauener Tor vorbei in die Innenstadt, weiter zur Langen Brücke. Die Straßen leer, aber nicht ruhig — irgendwo bellte ein Hund, irgendwo brannte Licht in einem Fenster. Die Linden rochen nach warmem Staub. Günthers Hand an ihrem Rücken, nicht drängend, nur da. Als wären sie spazieren gegangen. An der Ecke zur Babelsberger Straße, kurz vor dem Bahnhof, blieb Günther stehen und schaute zurück — einmal — und dann gingen sie weiter.
Der Zug. Das Schweigen im Abteil. Die anderen Gesichter, die auch schwiegen. Und hinter ihnen Potsdam, das kleiner wurde und dann weg war.
Sie hatten nie zurückgeschaut. Nicht einmal.
Trude schob den Rahmen ein Stück zu Hoffmann hin.
„Ick will da sterben”, sagte sie.
Hoffmann blinzelte.
„In dem Haus.” Ihre Stimme blieb ruhig. „Det is allet. Meine letzten Tage, da. In meen Haus.” Sie sah ihn an. „Kannste det rejeln?”
Hoffmann schaute sie lange an. Dann nickte er.
„Ich regel das”, sagte er.
Trude stand auf, nahm die Tasche, knöpfte ihre Jacke zu, obwohl es draußen heiß war. Den Rahmen steckte sie ein. Die unterschriebene Vollmacht ließ sie liegen.
„Jut”, sagte sie. „Dann fahren wir.”