FALLAKTE – POTSDAM VERRAT

Dieser Bereich enthält Hintergründe und Spoiler.
Nur für Leserinnen und Leser, die das Buch bereits kennen.

1. DIE ERMITTLUNGSWAND

Ein Campingplatz am Großen Zernsee. Eine Handvoll Dauercamper, ein Wald dahinter, ein einziger Weg hinein. Und ein Mann, der abends vor seinem Wohnwagen die Zeitung liest und kurz vor Mitternacht zwischen Farn und Wurzeln liegt.

Diesmal hing die Wand in keinem Büro. Sie hing in einem Holzhaus am Rand des Platzes, befestigt mit Klebeband aus dem Supermarkt. Katja Neumann und Tom Brandner haben die Nacht rekonstruiert – Aussage für Aussage, Lüge für Lüge. Was übrig blieb, hängt hier. Nicht als Antwort. Als Frage, die sich selbst beantwortet hat.

2. DER ORT

Der Campingplatz Uferglück liegt am Nordufer des Großen Zernsees, am Ende eines Kolonnenwegs aus alten Betonplatten. Zwei Wagen kommen dort nicht aneinander vorbei. Unten am Wasser wohnen die Urlauber, oben am Wald die Dauercamper, dazwischen Hecken, die seit Jahrzehnten in Form geschnitten werden.

Genau das macht es so schwer zu greifen.

Hier weiß jeder, wer wann zum Duschen geht, wessen Licht wie lange brennt und wer Besuch bekommt. Nach zehn Uhr öffnet die Schranke nur noch für drei Karten. Zu Fuß bleibt der Platz offen. Der Lageplan zeigt die oberste Reihe: Herberts Wohnwagen und Lisas, getrennt nur von einer niedrigen Hecke. Und den schmalen Nebenpfad hinter Herberts Wohnwagen, der in eine Senke führt, die man vom Hauptweg aus nicht sieht.

3. DIE TATNACHT

Achtunddreißig Minuten. So lange liegt zwischen Herberts letzter Nachricht und dem Bellen im Wald.

Jana Reuter hat sie aufgeschrieben, Zeile für Zeile. Nicht nach dem, was die Leute erinnerten. Nach dem, was ihre Telefone wussten.

22:35 – Lisas Wohnwagen
Mirko Sander ist angeln. So wird er es später erzählen. Die Angel liegt unter dem Wohnwagen, die Tauwürmer stehen im Kühlschrank. Er sitzt bei Lisa Reimann.

23:06 – Der Weg vor Lisas Wohnwagen
Mirko kommt heraus. Auf dem Weg steht Herbert. Er sagt nichts. Er sieht ihn nur an. Unter Lisas Tür liegt da schon ein Zettel.

23:06 bis 23:10 – Drei SMS
An eine Prepaidnummer. Dass Herbert ihn gesehen hat. Dass sie vorsichtig sein müssen. Dass sie aufhören sollten.

23:11 – Zweite Reihe
Bei Frau Radloff fliegt die Sicherung. Sie ruft Ekki.

23:12 – Das letzte Lebenszeichen
Herbert spricht Volker Wessel aufs Telefon. „Ich zahle morgen, wie besprochen – morgen, hörst du.“ In seinem Kalender steht beim nächsten Tag ein einziges Wort: Zahltag.

23:15 – Waldweg
Waldweg, viertel nach elf. Es geht um Petra. Lisa zieht im Gehen eine Jacke über.

23:37 – Büro der Rezeption
Sigrid Wessel schickt eine E-Mail an einen Investor. Ihr Mann weiß nichts davon. Die Polizei bekommt sie nie zu sehen.

Kurz vor 23:41 – Armins Fenster
Eine Frau kommt vom Wald herunter, schneller als sonst. Für ein paar Schritte ist sie im Licht der Außenleuchte. Am linken Ärmel ist die Naht offen.

23:41 bis 23:44 – Waldrand
Zwei Mädchen hinter einer Hecke. Ein Mann geht mit einer Taschenlampe in den Wald und kommt wieder heraus. Das Licht fällt ihm von unten ins Gesicht.

23:47 – Strom wieder da
Frau Radloff schreibt ihrer Tochter: „Strom wieder da, alles gut, mach dir keine Gedanken.“ Dazu ein Blümchen. Ekki packt sein Werkzeug ein.

Gegen 23:50 – Der Fund
Pepe bellt. Er bellt selten. Ekki folgt ihm vom Hauptpfad in den Farn.

23:54 – Der Anruf
„Sigrid. Herbert liegt hier.“ Dann legt er auf, um beide Hände frei zu haben.

4. DIE TATWAFFE

Ein Stein. Faustgroß, kantig, an einer Kante dunkler als am Rest.

Niemand hat ihn mitgebracht. Er lag neben dem Weg, wie hundert andere.

Nora Voss fand ihn knapp zwei Meter vom Kopf entfernt, außerhalb der niedergetretenen Stelle. Fingerabdrücke trug er keine, die Oberfläche war zu rau. Die Rechtsmedizin stellte einen einzigen kräftigen Schlag fest.

Der Notarzt hatte es schon in der Nacht gesehen. Die Wunde saß oberhalb der Hutkrempenlinie. Wer stürzt, verletzt sich an Stirn, Nase, Kinn. Nicht dort.

„Daraus mache ich dir weder Mann noch Frau“, sagte Nora Voss.

5. DAS OPFER

Herbert Schwarz. Siebenundsechzig. Dauercamper seit 2012, oberste Reihe am Waldrand. Ein schmaler Mann mit hängenden Mundwinkeln, einem Weidenkorb und einer Zeitung, die er so oft aufgefaltet hatte, dass das Papier an den Falzen weich geworden war.

Er hatte zu jedem etwas zu sagen. Zu Ekki: Der Einzige, der mit dir spazieren geht. Zu Armin, vor allen anderen, über eine Frau namens Christine. Zu Volker Wessel über die Pacht, laut genug für den halben Platz.

Und er brachte gespülte Teller zurück, ohne Zettel. Er stellte den Anglern einen halben Streuselkuchen hin, nachdem er sie morgens um sechs zusammengefaltet hatte. Einen Zweitschlüssel für seinen Wohnwagen lehnte er jedes Jahr ab. Was mir gehört, schließe ich selber ab.

In seiner Blechkassette, zwischen Rechnungen ab 2019, lag ein vergilbter Zettel. Ein Name, eine Adresse in Luckenwalde, eine Jahreszahl. Daneben eine alte Vermisstenmeldung.

Herbert Schwarz hielt sich für einen ehrlichen Mann. Er hat ein Versprechen gegeben. Und es gebrochen.

6. DIE BEFRAGTEN

Volker Wessel – Sigrid Wessel – Ekki Wulf

Drei, die den Platz am Laufen halten. Jeder von ihnen hat in diesen Tagen etwas zurückgehalten. Keiner von ihnen das, wonach die Polizei suchte.

Volker WesselSigrid WesselEkki Wulf mit Pepe

Volker Wessel redet. Über dreißig Jahre, eine geliehene Mischmaschine und einen Januar, in dem er die Wasserrohre mit dem Föhn auftaute. Über Herbert redet er erst, als man ihn danach fragt. Die Sprachnachricht von 23:12 zeigt er einen Tag zu spät, weil er wusste, wie das aussieht.

Sigrid Wessel legt den Kugelschreiber parallel zur Blattkante. In der Tatnacht saß sie im Büro, bis Ekki anrief. Den Beleg dafür ist sie der Polizei schuldig geblieben: eine E-Mail an einen Investor, um 23:37 Uhr, von der nicht einmal ihr Mann etwas wusste.

Ekki Wulf braucht sechzehn Worte, acht davon für den Wald. Zuerst sah es aus, als sei er zur Tatzeit allein im Wald gewesen, mit Blut an den Händen und ohne genaue Uhrzeiten. Das Blut stammte von der Reanimation. Die Uhrzeiten hatte Frau Radloff.

Mirko Sander – Tanja Wörner – Armin Kessler

Zwei Männer, die in dieser Nacht gelogen haben, aus ganz verschiedenen Gründen. Und eine Frau, die als Letzte erfuhr, wofür.

Mirko SanderTanja Wörner

Mirko Sander hat den Platz nicht in einem Angelforum gefunden. Er hat ihn gesucht. Die Rute lag seit Jahren im Keller, eine Angelerlaubnis hatte er nie. Als Katja Neumann ihn fragte, ob er auf Grund oder mit Pose gefischt habe, sagte er: beides.

Tanja Wörner hat ihm geglaubt. Sie hat seine Geschichte sogar bestätigt, ohne es zu wissen. Am Ende saß sie am Ufer, einen Stein in der Hand, und warf ihn ins Wasser. Wut hätte sich besser angefühlt.

Armin Kessler kennt jeden auf dem Platz beim Namen. In der Tatnacht sah er eine Frau vom Wald herunterkommen, mit aufgerissenem Ärmel, und ging selbst hinauf. Danach sagte er: Ich habe geschlafen. Er sagte es so lange, bis zwei Zwölfjährige es nicht mehr gelten ließen.

7. PETRA HOLLEK

Lisa Reimann, achtunddreißig. Oberste Reihe, gleich neben Herbert. Eine Kerze im Windlicht, ein Buch auf den Knien, dessen Seiten bleiben, wo sie sind.

Bis vor acht Jahren hieß sie Petra Hollek. Sechs Jahre Ehe in Luckenwalde. Zwei Anzeigen. Zweimal Frauenhaus. Dann ein neuer Name, ein neuer Ort und eine Prepaidkarte, die eine Beraterin auf ihren eigenen Namen angemeldet hatte, damit nichts zurückführt.

Herbert Schwarz kam auch aus Luckenwalde. Erst glaubte er nur, sie irgendwoher zu kennen. Dann wusste er es. Sie erzählte ihm, was passiert war. Er versprach zu schweigen.

Dann fand er ihren früheren Mann im Internet. Und dessen Version.

In der Tatnacht lag ein Zettel unter ihrer Tür. Waldweg, viertel nach elf. Es geht um Petra. Oben am Weg verlangte Herbert ein Lebenszeichen: einen Brief an den Mann, vor dem sie acht Jahre lang geflohen war. Noch in derselben Nacht.

Als sie gehen wollte, griff er nach ihrem Arm. Die Naht riss. Dann stand er nicht mehr vor ihr. Er hielt sie nicht mehr fest.

„Ich hätte gehen können.“

Der Stein lag neben dem Weg.

8. DIE ZEUGINNEN

Lena und Sophie Brenner

Zwölf Jahre alt, Zwillinge, mit den Eltern auf dem Platz. Lena ist die Mutigere. Sophie zählt.

Sie hatten eine Wette: Wer traut sich nachts wie weit? Um 23:38 Uhr zeigte die Digitaluhr in der Küche, dass es losging. Den Weg nach oben hatten sie am Tag zweimal geübt. Drei Minuten. Ziemlich genau drei.

Hinter einer Hecke, neben einem Anhänger, sahen sie einen Mann mit einer Taschenlampe in den Wald gehen und wieder herauskommen. Das Licht fiel ihm von unten ins Gesicht. Sophie macht seinen Gang seitdem nach.

Die Eltern sagten, sie sollten die Sache gut sein lassen. Die Mädchen gingen trotzdem zu Tanja, weil die Polizei immer noch da war.

„Dabei sehen Kinder viel mehr.“

Lena und Sophie Brenner

9. DER, DER BLIEB

Pepe

Ekkis Hund. Läuft frei, seit acht Jahren, und kommt zurück, wann er will. Herbert hat jahrelang über ihn gelästert. Pepe ist ihm trotzdem nachgelaufen, wann immer er konnte.

Auch an diesem Abend.

Als der Stein fiel, rannte er weg, Richtung Platz. Ein paar Meter weiter drehte er um. Er ging zurück zu Herbert und blieb.

Pepe bellt selten. In dieser Nacht hat er gebellt.

Pepe

10. DAS TINY HOUSE

Tom Brandner hatte keine Reisetasche dabei. Er rechnete mit einem Vormittag. Dann gab ihm Volker Wessel den Schlüssel zu einem der kleinen Holzhäuser am Ostrand des Platzes. In einem davon hatte früher jeden Sommer eine Frau namens Christine gewohnt.

Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle, eine Dusche, in der man sich beim Umdrehen vorsehen muss. Eine Rolle Klebeband. Und eine kahle Wand, die nach der ersten Nacht nicht mehr kahl war.

Die Tür klemmt. Volker sagt, das Holz arbeitet.

Hier endet die Fallakte. Nicht die Geschichte.

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