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Uferglück
Der Kolonnenweg begann hinter einem verblichenen Hinweisschild, unvermittelt: eben noch Asphalt, dann der erste dumpfe Schlag unter den Rädern. Sechseckige Betonplatten, jede leicht gegen die nächste verschoben, Gras in den Fugen, Moos an den Rändern. Der Wohnwagen nahm den Rhythmus sofort auf, ein gleichmäßiges Schaukeln, das über die Kupplung bis in die Sitze ging und dort blieb.
Mirko bremste auf Schrittgeschwindigkeit herunter. Er fluchte leise, beide Hände oben am Lenkrad, den Blick auf die nächste Plattenkante gerichtet.
„Wer baut so was?“, sagte er. „Und warum reißt das keiner raus?“
„Weil es hält.“ Tanja hatte die Stirn gegen die Seitenscheibe gelehnt, das dunkelblonde Haar halb im Gesicht. „Länger als alles, was danach kam.“
„Wie lang ist der Weg noch?“
„Auf der Karte war's ein Kilometer.“
„Dann stimmt ja alles.“ Er wich einer Platte aus, die höher stand als die übrigen, und der Wohnwagen hinter ihnen quittierte das Manöver mit einem Scheppern aus dem Geschirrschrank.
„Wie hast du den Platz eigentlich gefunden?“, fragte sie. „Ich hab den vorher noch nie irgendwo gesehen.“
„Internet. So ein Camping-Forum.“ Er umkurvte die nächste Kante. „Geheimtipp, stand da.“
„Seit wann liest du Camping-Foren?“
„Seit ich den Urlaub buchen sollte.“ Er hielt den Blick auf dem Weg. Tanja lachte und ließ es gut sein.
Am Wegrand stand ein Blechschild, schief in den Boden gerammt, die Schrift von Regen und Sonne ausgeblichen. Ein Angelverein warb darauf um Mitglieder, so viel ließ sich noch entziffern, der Rest war Rost. Tanja drehte den Kopf danach, bis es hinter ihnen lag.
„Deshalb also die Angel im Kofferraum“, sagte sie. „Ich dachte schon, die hast du aus Versehen eingepackt.“
„Soll hier gut sein. Stand auch im Forum.“
„Na, dann fang uns mal was Ordentliches.“
„Eben. Wird Zeit.“
Vor ihnen tauchte ein Auto auf, ein dunkler Kombi, der sich mit derselben Vorsicht über die Platten arbeitete. Der Weg war zu schmal für beide. Mirko stöhnte, hob die Hand vom Lenkrad, ließ sie wieder fallen.
„Na großartig.“
Er legte den Rückwärtsgang ein. Das Gespann setzte sich stockend in Bewegung, Meter für Meter zurück, das Kinn über der Schulter, die Lippen zusammengepresst, bis die schmale Ausweichbucht neben ihnen lag und er den Wohnwagen mit zwei, drei Korrekturen hineinbugsiert hatte. Der Kombi schob sich vorbei, so dicht, dass Tanja die Kühlbox auf dessen Rückbank erkennen konnte. Der Fahrer hob zwei Finger vom Lenkrad.
„Freundliche Gegend“, sagte Mirko.
„Er hat gegrüßt.“
„Das nennst du grüßen.“
„Du hättest gar nicht gegrüßt.“
Er brummte etwas und ließ die Kupplung kommen. Tanja schaute wieder zu den Bäumen hinauf, die über dem Weg zusammenwuchsen. Eichen zuerst, knorrig, mit tief hängenden Ästen, dazwischen ein paar helle Birkenstämme, weiter hinten das dunklere Grün von Kiefern. Zwischen zwei Stämmen blitzte Wasser auf, war wieder weg, blitzte erneut auf. Sie kurbelte das Fenster ein Stück herunter. Es roch nach warmem Harz, nach Staub und, dahinter, nach Wasser.
Dann öffneten sich die Bäume, und der See lag rechts unter ihnen: ein sattes, leicht trübes Grün, in dem Schilf und Grund nur zu ahnen waren. Kein Postkartenblau. Auf der anderen Seite zog sich der Platz den Hang hinauf – Reihe über Reihe, den schmalen Wegen folgend, bis die letzten Wohnwagen fast schon zwischen den Bäumen standen. Ältere Wagen, gepflegt, Vorzelte mit gerafften Seitenwänden, kleine Terrassen davor, hier und da ein Gerätekasten oder ein zusammengeklappter Liegestuhl unter dem Wagen. Dazwischen Hecken, die seit Jahrzehnten in Form geschnitten wurden. Über manchen Parzellen hingen Lichterketten, am Nachmittag noch ausgeschaltet. Irgendwo stieg Rauch von einem Grill auf, dünn und gerade in der stillen Luft. Von weiter unten waren Kinder zu hören.
„Da wären wir“, sagte Mirko.
Die Rezeption war ein Holzgebäude mit tief gezogenem Dach, Rezeption / Shop über der Tür, davor zwei Fahnenmasten, an denen sich die Fahnen in der windstillen Luft um die Stangen gelegt hatten. Ein kräftiger Mann kam heraus, bevor Mirko den Motor abgestellt hatte, tiefe Lachfalten im breiten Gesicht, die dunkelblaue Steppweste offen über dem karierten Hemd.
„Na, da sind ja unsere Neuen!“ Er streckte die Hand schon aus, als Mirko erst halb aus der Tür war. „Wessel. Volker. Gut hergefunden? Der Weg schüttelt einen durch, ich weiß, aber dafür verirrt sich hier auch keiner her, der nichts bei uns will.“ Er schüttelte erst Mirkos Hand, dann Tanjas, mit beiden Händen. „Einmal im Jahr kommt einer mit dem Wohnmobil bis vor und will dann wenden. Das ist jedes Mal das Sommerkino für die ganze erste Reihe.“
„Einmal im Jahr“, sagte eine Frauenstimme aus der offenen Tür, „und du erzählst es dreihundertmal.“
„Weil es eine gute Geschichte ist!“ Volker hielt ihnen die Tür auf. „Kommen Sie, kommen Sie, meine Frau macht das mit den Papieren, ich bin nur fürs Reden zuständig.“
Drinnen roch es nach Holz und Grillkohle. Ein Regal mit Luftmatratzen und Angelzeitschriften, daneben ein Kühlschrank mit Glastür, in dem Butter, Milch und ein paar Sixpacks standen. An einer Korkwand hingen Aushänge: Brötchenbestellung bis 18 Uhr, Feuerholz beim Platzwart, ein vergilbtes Foto von einem Sommerfest.
„Woher kommen Sie denn?“, fragte Volker, während seine Frau hinter dem Tresen das Formular vorbereitete.
„Berlin“, sagte Tanja.
„Die Hälfte hier ist aus Berlin. Die andere Hälfte war es mal.“ Er lehnte sich an den Kühlschrank, der unter seinem Gewicht leise klirrte. „Und irgendwann bleiben die Leute einfach. Fragen Sie mich, wie das geht, ich weiß es auch nach dreißig Jahren –“
„Volker.“ Sigrid schob das Formular über den Tresen und legte einen Kugelschreiber daneben, exakt parallel zur Blattkante. „Die Leute wollen ankommen.“
„Die Leute wollen wissen, wo sie gelandet sind.“ Aber er trat einen Schritt zurück und überließ ihr den Tresen.
Ihre Bewegungen waren sparsam, der kinnlange, grau durchzogene Bob streng gescheitelt. „Name, Anschrift, Unterschrift“, sagte sie. „Das Kennzeichen trage ich nach, das sehe ich ja von hier.“ Ein Blick durchs Fenster zum Gespann. „Wie lange bleiben Sie?“
„Zehn Nächte“, sagte Tanja.
„Erst mal“, sagte Mirko.
Sigrid notierte die zehn und ließ das Erst-mal unkommentiert. Während Tanja das Formular ausfüllte, ordnete sie bereits alles Weitere in einer Reihe an: die Schrankenkarte, zwei Duschmarken, einen kopierten Lageplan, auf dem sie mit dem Kugelschreiber ein Kreuz machte.
„Ihre Parzelle. Strom ist am Kasten, Wasser am Sanitärgebäude.“
„Schöne Ecke“, sagte Volker über ihre Schulter hinweg. „Ruhig, und zum See sind's zwei Minuten.“
„Drei“, sagte Sigrid.
Sie tippte auf die Marken. „Eine Marke, sechs Minuten warm. Nachkaufen können Sie hier vorne.“ Dann schob sie einen Zettel und einen Stift dazu. „Brötchen bis achtzehn Uhr eintragen, ab sieben hängen sie draußen an der Wand.“
„Sechs Minuten“, sagte Mirko. „Das wird sportlich.“
„Das wird erfrischend“, sagte Sigrid. Dann, beiläufig, den Blick schon auf dem nächsten Feld des Formulars: „Falls Sie angeln wollen – gültigen Fischereischein mitbringen, und die Angelerlaubnis vom Verein können Sie online beantragen. Nicht hier vor Ort.“
„Ah, gut zu wissen.“ Mirko nahm die Schrankenkarte und drehte sie zwischen den Fingern.
„Das Café unten am Ufer hat bis zehn offen“, sagte Volker. „Freitags Flammkuchen, also der hat schon Ehen gerettet. Und abends die Feuerstelle. Da sitzt eigentlich immer jemand. Wer einmal dabei war, kommt wieder.“
Tanja unterschrieb. Volker war schon wieder neben ihnen, ein Paket für einen der Dauercamper in der Hand, und begleitete sie hinaus und ein Stück den Weg hinauf, den Arm ausgestreckt, die grobe Richtung weisend.
Zwischen den Parzellen wurde der Platz enger. Bei manchen Wohnwagen lagen Teppiche in den Vorzelten, auf anderen Parzellen standen Blumenkästen, Stapelstühle oder Fahrräder. Ein älterer Mann hockte vor einer geöffneten Deichselbox und sortierte Kabel. Zwei Reihen weiter hing Wäsche zwischen Wohnwagen und Hecke. Volker grüßte im Vorübergehen nach links und rechts, zweimal mit Namen, ohne seinen Satz dafür zu unterbrechen.
„Die zwei großen Dächer da, das sind die Sanitärgebäude. Oben Duschen, unten der Waschsalon – wobei, für Sie ist oben näher. Da unten am Wasser, die Wiese, das ist die Hundewiese, falls Sie mal einen ausleihen wollen, hier laufen genug rum. Spielplatz ist daneben, aber das brauchen Sie ja nicht. Ihr Nachbar zur einen Seite ist ganz reizend.“
Mirko ging neben ihm her; einmal zog er das Handy aus der Tasche, warf einen Blick darauf und steckte es wieder ein.
An der Parzelle stand bereits jemand. Ein großer, schwer gebauter Mann, das dunkle Haar mit ersten grauen Stellen, Arbeitshände, die im Stehen an einer Kabeltrommel drehten, obwohl daran sichtbar nichts mehr zu tun war. Die Arbeitsschuhe waren an den Kappen grau vom Staub, am Gürtel hing ein Schlüsselbund, dessen Schlüssel beim Drehen der Trommel leise gegeneinanderschlugen. Er wartete.
„Ah – Ekki kümmert sich um den Rest.“ Volker hob noch einmal die Hand, wünschte einen schönen ersten Abend, dann ging er zurück Richtung Rezeption, und noch im Gehen hörten sie ihn irgendwem etwas zurufen.
Wo Volker jeden Satz doppelt sprach, zeigte Ekki bloß. Auf den Stromkasten am Pfosten, dessen Klappe er einmal öffnete und wieder schloss. Zu den Sanitärgebäuden hinüber, zwei flache Bauten zwischen den Reihen. Dann zum Wald, der gleich hinter der obersten Wohnwagenreihe begann, dunkel und dicht, die letzten Dächer klein davor.
„Das ist Naturschutzgebiet dahinten. Hund anleinen, nicht zelten.“
„Kann man hier gut angeln?“, fragte Mirko.
Ekki war schon halb im Gehen. „Fischereischein und Angelerlaubnis vom Verein. Die Beantragung geht online.“
„Ah. Okay.“
Ekki war weg, bevor Mirko fertig genickt hatte.
„Herzlich willkommen“, sagte Mirko, als der breite Rücken zwischen den Hecken verschwand.
Tanja schaute Ekki hinterher. Ein Mann, der sechzehn Worte gebraucht hatte, acht davon für den Wald. Zweimal dieselbe Auskunft an einem Nachmittag, einmal von der Frau am Tresen, einmal von ihm, beinahe wortgleich.
Dann richteten sie den Wohnwagen aus. Mirko am Steuer, Tanja mit ausgebreiteten Armen dirigierend.
„Links. Deine Linke!“
„Ich fahr rückwärts, Tanja.“
„Dann eben meine Linke.“
Er kurbelte das Fenster herunter. „Sag einfach See oder Wald. Damit kann ich was anfangen.“
„See. Weiter. Weiter. Stopp – Stopp!“
„Welches von beiden?“
„Das zweite.“ Sie klopfte zweimal aufs Blech, das alte Zeichen, und er stellte den Motor ab.
Tanja ging einmal an der Seite entlang, sah auf das Rad und hielt ihm die Hand hin. Mirko reichte ihr den Keil, ohne hinzusehen. Sie schob ihn unter das Rad, während er schon die Kurbel für die erste Stütze aus dem Staukasten zog. Jeder wusste, welcher Handgriff als Nächstes kam.
„Wasser holen wir morgen“, sagte er.
„Wasser holst du morgen. Ich hab den Kanister schon mal getragen, der zieht einem den Arm lang.“
„Dafür hab ich rückwärts eingeparkt.“
„Das war dein Beitrag zum Urlaub, ja.“
Sie legte die Keile unter, er kurbelte die Stützen herunter, das Gewinde quietschte an derselben Stelle wie jedes Jahr. Der Stromstecker rastete mit einem satten Klacken in der Dose am Kasten ein, im Wohnwagen sprang der Kühlschrank an. Die Markise fuhren sie nur halb aus, für heute reichte das.
Der Mann von der Nachbarparzelle schräg gegenüber, der die Roste seines Grills mit der Drahtbürste bearbeitete und jeden einzeln gegen das Licht hielt, sah zu ihnen herüber.
„Tach.“
„Tach“, sagte Mirko.
Der Mann nahm den nächsten Rost. Tanja spannte die Wäscheleine zwischen Wohnwagen und den kleinen Baum an der Parzellengrenze, und während sie arbeitete, sah sie sich beiläufig um: ein Paar mittleren Alters mit je einem Buch; ab und zu blätterte einer von beiden um. Zwei Mädchen, gleich groß und einander ähnlich, jagten einen Ball zwischen den Parzellen hin und her, barfuß und kreischend, bis eine Frauenstimme beide Namen hintereinander rief und sie leiser sein sollten. Der Ball rollte aus, blieb unter einem Vorzelt liegen, und für eine Weile war es tatsächlich leiser.
In einem der Wohnwagen weiter unten lief ein Radio, gedämpft, ein Schlagersender, der einfach mitlief.
Der Wohnwagen stand. Die Sonne fiel inzwischen schräg durch die Baumkronen und legte helle Flecken auf das Vorzeltdach der Nachbarn, die langsam weiterrückten, während die Luft die erste Kühle annahm. Mirko holte eine Bierflasche aus dem Kühlschrank, öffnete sie am Rand des Campingtischs, setzte sich und atmete aus, mit dem ganzen Oberkörper.
„Und?“, fragte er. „Erster Eindruck?“
Tanja befestigte die letzte Klammer an der Leine. Unten auf dem Weg rief jemand einen Namen, von zwei Parzellen weiter kam sofort eine Antwort. Volker ging mit leeren Händen Richtung Rezeption zurück und blieb unterwegs zweimal stehen, um mit jemandem zu reden.
„Alle kennen sich.“
„Ist doch nett.“
„Hab ich was anderes gesagt?“
„Dein Ton.“
„Mein Ton war neutral.“ Sie nahm ihm die Flasche aus der Hand, trank einen Schluck, gab sie zurück. „Ich meine nur: Auf so einem Platz weiß jeder alles über jeden. Die Frau an der Rezeption wusste unser Kennzeichen, bevor wir den Motor aus hatten.“
„Die Frau an der Rezeption weiß wahrscheinlich auch, was wir morgen frühstücken.“ Mirko streckte die Beine aus. „Deshalb fährt man doch an so einen See. Damit einen alle in Ruhe lassen und trotzdem jeder Bescheid weiß.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Urlaub muss keinen Sinn ergeben.“ Er drehte die Flasche auf dem Tisch, einmal im Kreis. „Wenn's dunkel wird, geh ich runter und hol uns noch was vom Café. Ich will mir das sowieso mal ansehen.“
„Die Feuerstelle, von der er geschwärmt hat?“
„Erst mal nur das Bier.“
Sie blieb neben der Deichsel stehen und schaute den Hang hinunter, dorthin, wo der See zwischen den Stämmen glänzte.
Morgen früh schau ich mir das in Ruhe an, dachte sie, bevor irgendwer wach ist. Von unten klapperte Geschirr herauf, eine Tür schlug, jemand lachte.